Kapitel 2: Aus Traum wird Realität
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BURG, GROßER RAUM -- MORGEN

KLEON:
„Guten Morgen. Wie fühlst du dich?“

Gabrielle erwidert nichts.

KLEON:
„Lass uns zunächst mal frühstücken. Du wirst dich hoffentlich nicht so stur wie
gestern anstellen, was?“

Die Bardin schaut ihn einige Sekunden bedächtig an bevor sie langsam den Kopf schüttelt und sich hinsetzt.


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Die beiden scheinen fertig gegessen zu haben.

GABRIELLE:
(leise)
„Was ist mit Xena?“

KLEON:
„Was soll schon mit ihr sein? Willst du sie etwa hier haben? Sie ist doch sonst schon
die ganze Zeit um dich. Außer wenn du sie brauchst.“

Die Kriegerbardin schaut gedankenverloren drein und blickt schließlich zu Boden. Sie wirkt nicht überzeugt von ihren eigenen Worten als sie ihm erwidert.

GABRIELLE:
(leise)
„Das ist nicht wahr.“

KLEON:
„Ach nein? Und wie steht es etwa damit, als... Ach, du wirst es wohl selber am Besten
wissen. Ich kann sie holen lassen.“


Er schaut sie fragend an und auf Gabrielles Gesicht erscheint ein gequälter Ausdruck. Sie wirkt unruhig und schüttelt schließlich fast unbewusst den Kopf.

GABRIELLE:
(leise)
„Nein!“

(kurze Pause, etwas lauter fortfahrend; stockend)
„Nein... Nicht jetzt. Du hast, glaube ich, recht. Ich habe die ganze Nacht über das
nachgedacht, was du gesagt hast. Ich befürchte, du hast die Wahrheit gesagt...“

(leise, Blick zum Boden)
„Sie hat einen Plan entwickelt um hier herauszukommen.
Sobald wir uns Beide in diesem Raum befinden soll ich...“

Ihre Stimme bricht ab, sie kann nicht weiterreden.

KLEON:
„Gut, ich habe es sowieso geahnt.“

Erschrocken schaut sie ihn an.

GABRIELLE:
(verwirrt, stotternd)
„Wieso habe ich das gesagt?“

KLEON:
„Du hast gemerkt, dass Xena dich nur ausnützt.“

GABRIELLE:
„Und du? Du wolltest mich gestern töten!“

KLEON:


„Ich wusste, sie würde nichts machen, was dein Leben gefährdet. Eigennutz. Sie
braucht dich, in gewisser Hinsicht natürlich nur.“


GABRIELLE:
„Du scheinst uns ja sehr gut zu kennen.“

KLEON:
(für einen kurzen Moment überrascht, fasst sich rasch wieder)
„Wer kennt denn nicht Xena, die Kriegerprinzessin?“

GABRIELLE:
(nachdem sie eine ganze Weile geschwiegen hat)
„Und jetzt? Was hast du mit mir vor und was mit ihr?“

KLEON:
„Mit dir hab ich eigentlich nichts vor. Ich musste dich gefangen nehmen lassen um an
sie heranzukommen, aber gegen dich habe ich nichts. Im Gegenteil...“

Er schaut ihr in die Augen. Als sie nach einer Weile wegblickt, fährt er fort.

KLEON:
„Und mit ihr.... Ich werde sie wahrscheinlich strenger bewachen lassen, nachdem was du
mir gesagt hast. Ich will dass sie etwas für mich tut.“


GABRIELLE:
(ungeduldig)
„Was?“



KLEON:
„Das möchte ich dir nicht sagen. Zumindest jetzt noch nicht. Ich kann dir nicht
trauen, tut mir leid.“


GABRIELLE:
(leise)
„Da hast du Recht. Ich traue mir selber nicht; ich bin ganz durcheinander...“

Er ruft nach den Wachen, die Gabrielle hinausführen.


- Schnitt-

BURG, KERKERZELLE

Kleon betritt mit einigen seiner Männer die Zelle. Xena schaut ihn kalt an.

XENA:
„Wo ist Gabrielle?“

KLEON:
(spöttisch)
„Gabrielle? Sie ist an einem bequemeren Ort.“

XENA:
(auffahrend)
„Wenn du ihr was angetan hast...“

KLEON:
„Was dann? Wirst du mich töten?“
(höhnisch lachend)
„Du vergisst, dass du gefesselt bist. Aber falls es dich beruhigt: Deiner Begleiterin geht es
gut. Vielleicht kommt sie später vorbei. Auch wenn ich bezweifle, dass dir ihr Besuch
viel Freude bereiten wird.“

(kurze Pause)
„Ich habe gehört, dass du einen Plan entwickelt hattest um hier herauszukommen. Sobald
du mit Gabrielle im großen Raum sein würdest, sollte sie mich ablenken, damit du...“

Er listet alle Details des Plans, den Xena am vorherigen Tag für den Ausbruch entwickelt hat, auf.
Als Xena ihn mit unterdrückter Verwunderung anschaut, grinst er.


KLEON:
„Du fragst dich wohl, woher ich das weiß? Deine “Freundin“ hat es mir verraten.“

XENA:
(ruhig)
„Das glaube ich dir nicht.“

KLEON:
(lacht)
„Du kannst sie später selber fragen, wenn du mir nicht glaubst.“

Er bemerkt Xenas verwirrten Blick und lacht wieder. Dann verlässt er den Raum.
Xena schaut ihm misstrauisch nach und schüttelt leicht den Kopf. Sie seufzt, schließt die Augen und lehnt sich an die Wand.


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BURG, GABRIELLES RAUM

Unruhig läuft die Bardin im Zimmer hin und her. Sie ist sichtlich angespannt.

Jemand nähert sich vom Gang. Kleon schließt die Tür auf und tritt ein. Sofort scheint die Bardin etwas entspannter. Sie schaut ihn erwartend an.

KLEON:
„Es ist Mittag. Komm in den anderen Raum um zu essen.“

GABRIELLE:
(ungeduldig)
„Was ist mit Xena? Hast du mit ihr geredet? Hast du ihr gesagt, dass ich dir ihren
Plan verraten habe?“


KLEON:
„Ja, wolltest du das nicht?“

Gabrielle schließt die Augen.

Als sie sie wieder öffnet, erscheint ein gemeines Lächeln auf ihrem Gesicht.



GABRIELLE:
„Gut, sehr gut. Geschieht ihr recht. Sie soll mal fühlen, wie es ist, von der angeblich
besten Freundin im Stich gelassen zu werden.“


Im nächsten Moment blinzelt sie, etwas verwirrt.

GABRIELLE:
„Aber eigentlich war sie mal meine beste Freundin.
...sie hat sich zwar manchmal nicht wie eine solche verhalten, aber im Grunde...
Wieso... Sag mal, hast du mich verzaubert?“

Sie sagt es ironisch, schaut ihn dabei jedoch mit einem beinahe wieder zum Lachen anmutenden Ernst an.

KLEON:
„Ich? Wie sollte ich? Ich habe dir nur die Augen geöffnet.
Fühlst du dich immer noch schuldig?
Denkst du immer noch sie sei deine... Freundin?“


GABRIELLE:
(betrachtet Kleon)
„Nein... Irgendwodurch hast du schon recht.
Sie nimmt mich nicht ernst. Nicht nur bei ernsten, größeren Sachen wie die Erlebnisse
in Higuchi. Nein, auch bei kleineren Sachen wie... beispielsweise als sie mir versprechen
musste, keine Geburtstagsstreiche zu machen. Sie hat es trotzdem gemacht.
Natürlich, das sollte ja witzig und nicht ernst sein, aber dennoch zeigen so kleine Details,
dass sie mich nicht ernst nimmt. Oder?“

Der Kriegsherr nickt, auch wenn es klar ist, dass er nicht weiß worüber sie genau redet.

GABRIELLE:
(leicht stockend)
„Diese Seelen waren ihr wichtiger als unsere Freundschaft. Zu einem Teil kann ich das
noch nachvollziehen. Allerdings, hat sie Akemi in keinem Moment hinterfragt. Das
Vertrauen zu diesem Mädchen war größer als die Wichtigkeit unserer Freundschaft.
So etwas tun Freunde doch nicht, oder?“

(nachdenklich, langsam, kalt)
„Ich will mit ihr reden.“

Der Kriegsherr schaut sie nachdenklich an, nicht dann aber schließlich leicht.

KLEON:
„Gut, wie du möchtest. Porpax wird dich zu ihr bringen.“

Er ruft einen Mann, der vor der Tür steht.
Nach einem kurzen Moment des Zögerns löst er ihre Handfesseln.

Dann wendet er sich mit einem freundlichen Lächeln zur Tür und verlässt den Raum.

Die Bardin schaut ihm nach während sie sich die Handgelenke reibt und folgt ihm dann zur Tür hinaus.


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BURG, KERKERZELLE

Nachdem Porpax die Tür aufgeschlossen hat, tritt die Bardin hinein und die Tür wird hinter ihr abgeschlossen.

Als Xena sieht, wer hereingekommen ist, erscheint ein erleichtertes Lächeln auf ihrem Gesicht. Und als sie bemerkt, dass Gabrielle nicht gefesselt ist, wird aus dem Lächeln ein Grinsen.

XENA:
(leise)
„Du hast es also geschafft, sein Vertrauen zu erwecken. Wahrscheinlich dadurch,
dass du ihm den Fluchtplan verraten hast.
Dennoch es hätte gereicht, wenn du etwas Erfundenes als Plan angegeben hättest,
dann hätten wir unseren Plan doch durchführen können, nicht?
Andererseits hast du anscheinend selber was entwickelt.
Erzähl mal!“

Da Gabrielle ihr nicht antwortet und sie nur seltsam anstarrt runzelt sie die Stirn.

XENA:
„Was ist mit dir los?“

Gabrielle reagiert immer noch nicht.

XENA:
(besorgt)
„Hat er... hat er dir was angetan? Hat er dich bedroht oder erpresst?“

GABRIELLE:
(leise, ruhig)
„Nein, Xena. Er hat mich weder bedroht noch erpresst. Er hat mir nur die Augen geöffnet.
Er hat mir gezeigt, dass du die Bezeichnung ’Freundin’ nicht verdienst.“





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KERKERZELLE

GABRIELLE:
(leise, ruhig)
„Nein, Xena. Er hat mich weder bedroht noch erpresst. Er hat mir nur die Augen geöffnet.
Er hat mir gezeigt, dass du die Bezeichnung ’Freundin’ nicht verdienst.“

Einen Augenblick lang sieht Xena sie verständnislos an. Dann wird ihr Blick misstrauisch.

XENA:
(argwöhnisch)
„Gabrielle?“

Die Bardin lacht. Es ist jedoch ein künstliches Lachen.


GABRIELLE:
„Du denkst, ich sei nicht Gabrielle? Frag mich doch was, wenn du mir nicht glaubst!“

XENA:
(schaut Gabrielle durchdringend an)
„Wann war unsere letzte Begegnung mit Alti?“

Gabrielle zuckt zusammen und für einen Sekundenbruchteil schaut sie betroffen drein, was jedoch im schwachen Licht kaum ersichtlich ist, da sie zudem sofort wieder die Fassung gewinnt.

GABRIELLE:
(ruhig)
„Vor einigen Monaten. Cäsar hatte mit den Lebensfäden rumhantiert und...“
(sie atmet tief durch)
„...na ja, du kennst die Geschichte ja genauso gut wie ich. Alti hat ihr übliches böses Spiel
getrieben und Cäsar verführt. Und ich habe es geschafft die Realität umzukehren indem
ich die Lebensfaden verbrannt habe... Fast fällt es mir schwer heute, meine Reaktion von
damals nachzuvollziehen. Andererseits doch wieder nicht, immerhin glaubte ich,
wir seien Seelenverwandte.“

(bitter)
„Ich habe mich geirrt. Leider.“

Xena schaut die Bardin weiterhin durchdringend an.

GABRIELLE:
„Jetzt sagst du nichts mehr, was? Aber du bist verwirrt. Du glaubst mir immer noch nicht.
Du glaubst, etwas stimme nicht mit mir.“


XENA:
(mit gespielter Ruhe)
„Genau. Ich würde behaupten, Kleon hat etwas mit dir angestellt. Was genau werde
ich noch herausfinden.“

Gabrielle atmet tief durch. In ihrer Stimme ist Trauer, aber auch Ernsthaftigkeit hörbar.

GABRIELLE:
„Weißt du was? Ich kann es dir nicht mal verübeln, wenn du mir jetzt nicht glaubst. An
deiner Stelle würde ich nicht anders denken, nicht anders fühlen. Wir kennen uns nun schon
so viele Jahre, dass... man meinen könnte, nichts und niemand könne uns entzweien.
Nun... eigentlich hat uns nicht Kleon entzweit. Er hat mir nur auf Sachen hingewiesen, über die
ich sowieso schon länger denke. Was uns entzweit, sind die Ereignisse in Japa. Hatte ich gerade
erwähnt, dass wir uns schon seit vielen Jahren kennen? Und in so vielen Jahren verschweigst
du mir derart wichtige, weitereichende Ereignisse deiner Vergangenheit, eine derart wichtige
Person? Nach so vielen Jahren weihst du mich nach wie vor nicht in deine Pläne ein?“


Die Bardin geht in die Hocke und schaut Xena an. Diese schaut zu Boden.

GABRIELLE:
„Xena... wir haben lange Zeit zusammen verbracht. Zwischen uns hatte sich, zumindest
augenscheinlich, eine tiefe Freundschaft entwickelt. Wir haben uns bei mehreren
Gelegenheiten das Leben gegenseitig gerettet. Wir haben viel miteinander erlebt. Das
werde ich nie vergessen, das kann ich gar nicht.
Aber du hast mich im Stich gelassen, als ich dich brauchte.
Du hast mir gar nicht die Gelegenheit gegeben mich zu wehren. Du hast einfach
entschieden, dass du tot bleibst. Du...“

Xena starrt sie betroffen an.


XENA:
(sie unterbrechend)
„... ich glaubte doch wirklich, es sei der einzige Ausweg.
Und du weißt genau, wie schwer es mir gefallen ist.“


GABRIELLE:
(leise)
„Natürlich weiß ich das.
Und doch... Du hast dich vollkommen auf Akemi verlassen beim Fällen dieses Entscheides.
Du, die sonst so schwer anderen vertraust. Du hast dich mit ihr abgesprochen und hast mich
vor vollendeten Tatsachen gestellt. Du hast an das höhere Wohl appelliert. Dabei hattest du
wenige Wochen in der Wüste zuvor gesagt, dass es im Leben jedes Menschen etwas gäbe,
das wichtiger als das höhere Wohl wäre. Und dass ich das bei dir sei. Wäre ich in der Wüste
der Todesstrafe nicht entgangen, hättest du gelitten. Du wolltest es deswegen nicht zulassen.
Warum hast du angenommen, ich würde weniger leiden, wenn DU nicht mehr da seiest?
Warum hast du mir keine Entscheidungsmöglichkeit gelassen?“

(flüstert)
„War ich dir so wenig wert?“

XENA:
„Gabrielle, hör zu,...“

GABRIELLE:
(laut, beinahe wütend)
„Nein, jetzt hörst du mir zu!
Du hast eine falsche Entscheidung gemacht, mit schlimmen Folgen für mich.
Ich habe es geschafft, dich wieder ins Leben zu erwecken. Und du? Du hast dich nicht
mal entschuldigt. Und du unternimmst wieder Alleingänge hinter meinem Rücken.

Ich hab solche Sachen immer wieder entschuldigt, aber jetzt ist es genug.
Glaube nicht, dass mir diese Entscheidung leicht gefallen ist, denn das ist sie überhaupt
nicht. Ich habe es aber wirklich satt. Das ist keine Freundschaft und erst recht keine Liebe.
Es ist vorbei. Kleon hat recht.“

Ehe die Kriegerprinzessin etwas erwidern kann, steht Gabrielle plötzlich auf, geht zur Tür und ruft nach Porpax, worauf dieser sogleich die Tür aufschließt. Mit schnellen Schritten verlässt sie den Kerker.

Zurück bleibt eine reichlich verwirrte und betroffene Xena.


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