Kapitel 3: Die Macht der Ajogun
- Aufblendung -

NICHT WEIT VOM FUß DES BERGES

XENA:
(zu Gabrielle, die sich an ihr anstützt)
„Geht es noch?“

GABRIELLE:
„Ja. Ja, ich bin okay. Langsam glaube ich, dass meine anderen Sinne schärfer werden,
so wie erzählt wird, passiere es, wenn man blind wird.“


XENA:
„Gewöhn dich nicht zu sehr daran, ich werde dir bald das Augenlicht wiedergeben.“

GABRIELLE:

„Es ist eigenartig... Man lebt sein Leben, ohne auf die Kleinigkeiten zu achten und
sobald man die Möglichkeit verliert, auf alles achten zu können, sehnt
man sich danach...“


XENA:
„Gabrielle, ich kenne keinen anderen Menschen, der mehr auf die Kleinigkeiten im
Leben achtet als du. Aber ich weiß was du meinst.“

Zoliara ist inzwischen weitergelaufen und wartet in der Ferne, um nicht zu stören.

GABRIELLE:
(hebt ihren Kopf Richtung Himmel)
„Ich will noch einmal, wenigstens noch einmal die Helligkeit der Sonne wahrnehmen.
Oder...“

(sie bleibt stehen und dreht Xena sanft vor sich)
„Oder dein Gesicht noch einmal sehen können.“

XENA:
(schaut sie gerührt an und küsst sie schließlich auf die Stirn)
„Das wirst du. Das verspreche ich dir.“

GABRIELLE:
(umarmt sie)
„Auch wenn ich blind bin, Xena, dich scheine ich immer noch im Inneren sehen zu können.“

Xena lächelt. Es sind Sätze wie diese, die sie nur von Gabrielle hören will, von keinem anderen.


- Schnitt -

Schwarze Wolken sammeln sich um den Gipfel von Tymfristos. Der Berg hat die Form eines Geiers und scheint die Finsternis gänzlich an sich zu ziehen. Ein erster Wassertropfen erreicht die Erde, bevor ihm ein anderer folgt. Der sanfte Regen verwandelt sich schon nach wenigen Sekunden in ein mächtiges Gewitter, dessen Wind gegen die Körper der drei Frauen schlägt und deren Regentropfen in ihre Haut schneiden. Das Laufen wird zur Herausforderung und der sumpfige Boden droht bei jedem Schritt das Ende an.
Xena ergreift mit ihrer linken Hand unter Gabrielles Kniekehlen und mit der anderen Hand stützt sie ihren Rücken, bevor sie sie vorsichtig hochhebt. Sie hat schon seit einiger Zeit deren aus Erschöpfung gekeuchten Atemzüge gehört, die ständig intensiver werden. Sie zu tragen macht ihr recht wenig aus, zumal sie dadurch auch sichergeht, sie vor dem Regen zu schützen, in dem Gabrielle ihren Kopf zu Xenas Körper dreht.

ZOLIARA:

(hält sich den Arm vor das Gesicht und ruft in die Umgebung)
„Was machen wir jetzt? Ich kann die Umgebung nicht erkennen!“

XENA:
(ebenfalls laut)
„Das musst du auch nicht, ich weiß, wo wir hin müssen.“
(angewidert)
„Ich kann ihre schneidenden Gesänge hören...“

ZOLIARA:
„Also, was wirst du tun, wenn wir da sind? Du hast doch gesehen, wie gefährlich die
sind...
Die haben sicher keine Friedenstauben im Gepäck...“


XENA:
„Pst!“

ZOLIARA:
„Was hast du?“

XENA:

„Jemand ist hier...“

ZOLIARA:
„Wer?“

XENA:
„Der Verein der Taubenfreunde...“
(guckt nach oben und kneift die Augen wegen dem Regen zusammen)
„Jungs, kommt schon, bringen wir es hinter uns. Es ist ungemütlich hier.“

Vier Exu-Anhänger springen von einem Baum am Wegesrand und bleiben unbeeindruckt stehen. Ihre Kapuzen hängen ihnen tief über dem Gesicht, sodass man die Gesichter kaum erkennen kann. Einer von ihnen macht einen Schritt auf Xena zu, die ihren Blick zu Gabrielle senkt. Aus Erschöpfung schläft diese friedlich in ihren Armen, obwohl es in Strömen regnet. Xena lächelt und legt Gabrielle vorsichtig auf den Boden. Sie kann sie nicht wecken, nicht bei diesem Anblick.

XENA:
(kalt)
„Was wollt ihr?“

Die Exu-Anhänger rühren sich immer noch nicht.



XENA:
„Hört zu, entweder ihr wollt kämpfen und ich werde euch den Wunsch erfüllen, oder
ihr geht. Es ist kein besonders guter Zeitpunkt, mich jetzt nur anzuschauen. Es kann
nämlich sein, dass ihr dann zum letzten Mal je etwas anschauen könnt...“

Einer der Männer, der näher zu Xena steht, lacht.
Xenas Augen weiten sich beim Klang seiner Stimme. Ihr Herz fängt an, lauter zu schlagen und sie schluckt schwer. Einen Augenblick zögert sie, geht dann aber stürmisch auf den Mann zu und ihre nassen Lippen finden seine.

XENA:
(ausgehaucht)
„Marcus...“

Der Mann streift mit einer Hand die Kapuze vom Kopf und lächelt sie liebevoll an.



MARCUS
„Du hast mich erkannt... Deine Sinne trügen dich immer noch nicht...“

XENA:
„Nein... Sinne haben damit nichts zu tun. Es war mein Herz...
Was... Was machst du hier?“

Marcus schaut auf Gabrielle.

MARCUS:
(bedrückt)
„Ich habe es mit angesehen. Es ist ernster, als du denkst, Xena. Viel ernster...“

XENA:
„Was meinst du?“

MARCUS:

„Ich habe dafür hart kämpfen müssen, zur Erde zu kommen, um dich zu warnen.
Vor einem riesigen Fehler. In zwei Tagen ist es soweit. Du glaubst nicht an diese
Ajogun-Geschichten, oder?“

Xena schaut ihn eindringlich an und weiß nicht, was er von ihr hören will. Er lächelt sanft und bewegt seine Hand langsam von links nach rechts, worauf sich die Umgebung aufhellt und der Regen sofort nachlässt, bevor er ganz aufhört.

MARCUS:
„Es sind keine Geschichten. Der Exu-Kult ist auch nicht in einem Wahn gefangen.
Die Sonne wird wirklich verdunkelt werden. Es ist nicht aufzuhalten und nur das
Opfer bringt den Menschen Erlösung.“


XENA:
„Du bist gekommen, um... um mir...“

MARCUS:

„Um von dir zu verlangen, dass du deine Finger da raus hältst. Der Exu-Kult
hat die Antworten. Stelle nur die richtigen Fragen. Tu es für unsere Liebe. Du
liebst mich Xena. Tu es für mich.“

Xenas Augen verdunkeln sich und im nächsten Augenblick spürt der Mann Xenas Fuß, der gegen sein Gesicht tritt, worauf er zur Seite fliegt und auf dem durchnässten Boden landet. Gabrielle öffnet, vom dumpfen Aufprall des Körpers geweckt, die Augen und bemüht sich, ihren Kopf zu heben. Sie versucht vergeblich, sich an die Finsternis vor ihren Augen zu gewöhnen.

GABRIELLE:
(mit geschwächter Stimme)
„Ich kenne diese Stimme... Ist das...“

XENA:
„Nein, das ist er nicht.“

Xena hockt sich vor den Mann, der mit dem Gesicht zur Erde liegt, hin. Ihre Hand greift um seinen Nacken und sie hebt seinen Kopf ein paar Zentimeter über den Boden, wobei sich ihr Blick in seinen Lippen verfängt.

XENA:
„Ich hatte keine Ahnung, dass ihr Illusionen erzeugen könnt. Unglaublich, wie
ähnlich du ihm siehst.“

Sie drückt sein Gesicht mit einer schnellen Handbewegung tief in die Erde und muss sich einige Augenblicke sammeln. Ihr Herz schlägt ihr bis zum Hals und sie gesteht sich ein, zu naiv gewesen zu sein. Sie weiss, sie hätte sich womöglich noch länger täuschen lassen, wäre der Exu-Anhänger mit einer anderen Taktik an die Sache herangegangen...
Sie richtet sich wieder auf und sieht die anderen drei Exu-Mitglieder mit ernster Miene an. Immer noch bewegt sich keiner von ihnen.

XENA:
„Wartet ihr auch auf eure Portion Tritte?“

Ihre Hand greift nach der Kapuze eines der Männer und sogleich fällt sein Körper, wie auch die anderen zwei Männer, leblos zu Boden. Sie zieht die Kapuze ab, nachdem sie sich hingehockt hat und lacht mit einer Fülle von Leid auf, als sie sieht, dass es Marcus' Gesicht ist, genauso wie das der übrigen. Sie nimmt die Hand eines der Marcus-Ebenbilder in ihre und führt sie zu ihrem Mund.

XENA:

(flüstert in sich hinein)
„Ich weiß, dass du mich hörst. Ich weiß, dass du dort bist, wo ich dich bald treffen werde.
Und ich sehne mich danach... Marcus, ich sehne mich nach dir...“

Sie lässt die Hand des Mannes fallen, holt aus und schlägt ihm verzweifelt mit der Faust in das bewegungslose Gesicht, bevor sie von der Hocke auf die Knie sinkt und die Augen schließt. Ihre Haare tropfen immer noch von dem Regen und das Regenwasser verschmilzt mit Tränen auf ihrer Wangen.

GABRIELLE:
„Xena?“

Xena schreckt aus ihren Gedanken auf und hastet zu ihr, um sie zu stützen. Sie dürfen keine Zeit verlieren, wenn sie noch rechzeitig da sein wollten.

XENA:
„Wo ist Zoliara?“

GABRIELLE:
„Ich weiß es nicht, sie ist weg?“

XENA:
„Hast du nicht gesehen...
(stockt)
Tut mir leid. Tut mir so leid, Gabrielle...“


GABRIELLE:

„Ist schon gut. Wie könnte ich dir das vorhalten? Also, was glaubst du, wo sie ist?“

XENA:
„Ich schätze, dass sie Angst bekommen hatte, als es aussah, als müssten wir kämpfen.
Ich denke, sie ist weggelaufen.“


ZOLIARA:
(von hinten kommend)
„Ich hoffe, ihr glaubt das nicht wirklich...“

Xena dreht sich sofort um.

XENA:
(auf das Pferd deutend)
„Wo hast du das her?“



ZOLIARA:
„Ich habe auf der anderen Seite des Weges einen Händler gesehen. Er fuhr Pferde
über den Pass, doch durch das Wetter und die schlammigen Straßen blieb er mit
dem Wagen stecken. Ich habe ihm geraten, seine Last zu verkleinern und
habe ihm...“


XENA:
„...netterweise...“

ZOLIARA:
„...das Pferd hier abgenommen, ja. Er sagte, es wäre zu alt, um einen anständigen
Preis dafür zu bekommen... Ich hab mir einfach gedacht, dass damit die Wanderung
für Gabrielle leichter wird...“

Xena nickt dankbar und streicht der Stute über die Mähne.

XENA:
„Sie ist nicht alt... Sie ist wunderbar...“


- Schnitt -

NAHE DEM GIPFEL DES BERGES

Die gefangenen Kinder quälen sich bei jedem Schritt über das Eis. In Sudan gibt es keinen Schnee und die Kälte schneidet in die nackten Füße. Und doch klagen sie nicht. Eine innere Ruhe breitet sich in jedem von ihnen aus und sie warten auf etwas, das sie nicht genau definieren konnten. Es ist der Wunsch nach dem Tod, der in ihnen wächst, mit jeder Sekunde, in der die Pflanze in ihren Körpern wirkt. Nicht einmal das Stechen in den Lungen kann sie zur Besinnung bringen und sie laufen mit leeren Augen hinter den Soldaten her.


PRIESTER:
„Haltet an! Es wird Zeit, dass wir die Ajogun rufen, damit sie unsere letzten beiden
Tage, die wir zum Gipfel wandern, würdigen können! Nur noch zwei Mal sehen wir
die Sonne, bevor wir ihnen die Gaben anbieten!“

Aus dem Nichts ertönen drei Trommelschläge und die Mitglieder des Exu-Kultes sinken auf die Knie. Sie wissen, die Vollendung ihrer Mission steht kurz bevor.

PRIESTER:

(kniend)
„Ajogun! Ihr mächtigen Götter, Erlöser von Leid! Hört uns an, hört unsere
jämmerlichen Bitten! Verzweifelt wenden wir uns an Euch, hier fernab der Heimat
mit dem Wunsch, Eure Gunst wieder zu finden! Wir werden euch bitten, unsere
Gaben anzunehmen! Es ist nicht mehr weit! Begleitet uns auf unserem letzten Weg!
Begleitet uns in die Vollkommenheit!“

Die Gruppe marschiert weiterhin auf den Gipfel zu, ohne sich von der Kälte niederreißen zu lassen. Keins der Kinder wagt zu klagen, weil sie die Auswirkungen und die Strafen die damit verbunden sind nur zu gut kennen. Die stechende Luft kratzt in ihren Hälsen und macht das Atmen zur Qual.


- Schnitt -

Währenddessen

Das Pferd wird zurückgelassen, weil der steinige Boden und die schmalen Pfade entlang der Bergwand für Pferde unbegehbar sind. Gabrielle stützt sich an Xena, bevor sie sie loslässt und zu Boden sackt.

GABRIELLE:

„Ich kann nicht weiter... Es tut mir Leid... Jede Bewegung lähmt mich immer mehr...“

ZOLIARA:
„Es ist der Zauber. Er wirkt schneller als ich erwartet hatte. Es ist das zweite Stadium.“

GABRIELLE:
„Lass mich hier.“

XENA:
„Ich kann nicht. Ich muss einen Weg finden...“

GABRIELLE:
„Ja. Einen Weg zum Gipfel. Es wird nicht einfacher und... Ich will einfach, dass du
mich hier lässt. Tu es einfach.“

Xena ließ ihren Blick von Gabrielle ab und schaut fast schon beschämt in ein Nichts. Als ob sie eine Schuld in sich aufsteigen fühlte, der sie nicht gewachsen war.

XENA:
„Da hinten ist eine Senke. Zoliara, ich will dass du bei ihr bleibst und sie nicht
aus den Augen lässt.“


ZOLIARA:
„Kommst du alleine klar?“

XENA:
„Mir würde jedenfalls die Gewissheit schon helfen, dass Gabrielle gut versorgt ist.
Bewegt euch nicht von der Stelle, bis ich euch hole. Ich beeile mich.“


Sie legt ihre Hand auf Gabrielles Hüfte und leitet sie vorsichtig hinab in eine tiefer gelegene Gesteinsebene. Nachdem sie die Fläche von größeren Felsbrocken befreit hat, legt sie eine Decke darauf und bringt Gabrielle dazu, sich hinzulegen. Ein letztes Mal schaut sie in ihre leeren Augen und nickt in sich hinein. Xena will mehr denn je eine Stütze für sie sein, auch wenn das heißt, von ihr abzulassen.

- Ausblendung -