Kapitel 4: Der Weg der Kriegerin
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TEEHAUS

Sie weisen Gabrielle an, sich mit dem Rücken zur Schiebetür zu setzen. Dann verlassen die Beiden den Raum und kommen kurze Zeit später mit einem Weihrauchgefäß und Geschirr zurück. Eine der Frauen reicht Gabrielle einige Süßspeisen, die auf einem Tablett gelegen haben und einen Becher Sake.

Dann wird ein Gong geschlagen und Gabrielle wird aufgefordert, sich draußen an einem Brunnen zu reinigen. Als sie zurückkommt, kocht auf einer Feuerstelle ein Topf mit Wasser.

Auf einer Matte befindet sich ein Wassergefäß und eine kleine Dose. Eine der Dienerinnen trägt eine kleine Schale, einen kleinen Besen und ein weißes Tuch. Quer auf der Schale liegt ein Löffel.

Die andere Frau kniet sich hin und spült die kleine Schale mit heißem Wasser aus. Ein grünes Pulver wird mit dem Löffel in die Schale gefüllt, Wasser hineingegeben und dann mit dem Schwingbesen verrührt. Sie stellt das Getränk vor Gabrielle hin und verbeugt sich.

Die Bardin schaut unwissend und so zeigt ihr die Frau, was zu tun ist.

Sie nimmt die Schale, dreht sie drei Mal leicht und deutet an, drei Mal zu trinken.

DIENERIN:
„Bitte. Gib mir kleine Flasche.“

Gabrielle holt die Essenz aus ihrem Rucksack und gibt sie der Frau. Diese füllt den Inhalt in die Schale und gibt sie an Gabrielle weiter.

DIENERIN:
„Trink den Tee. Hab keine Angst.“

Gabrielle nimmt die Schale, verbeugt sich und wiederholt das Ritual. Dann trinkt sie. Kurze Zeit später wird sie schläfrig. Sie umfasst das Katana mit beiden Händen.

Die Umgebung verschwimmt vor ihren Augen. Sie bemerkt nicht einmal, dass sie fest eingeschlafen ist.


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SCHATTENREICH

Gabrielle öffnet die Augen. Ist sie wach? Oder träumt sie? Sie braucht einige Zeit, um sich zu besinnen. Ein Feuer lodert in einer Schale. Nur schemenhaft kann sie ihre Umgebung wahrnehmen. Sie blickt in die blauen Augen der Frau, die ihr gegenüber sitzt. Fast wäre sie in ihnen versunken. Es ist ihr nicht möglich den Blick abzuwenden. Sie sehen sich zunächst nur an. Keine von beiden wagt sich zu rühren.

GABRIELLE:
„Bist du wirklich hier?“

XENA:
„Ich weiß nicht. Bist du hier?“

GABRIELLE:
„Ich weiß nicht.“

Gabrielle streckt ihre Hand aus. Doch als sie Xena berühren will, ist es so, als stünde eine unsichtbare Barriere zwischen ihnen. Langsam nimmt sie die Hand zurück.

GABRIELLE:
(verunsichert)
„Was ist das hier?“

XENA:
(traurig)
„Das ist die Welt, die Akemi für uns erschaffen hat.“

GABRIELLE:
„Für uns?“

Aus dem Schein der ewigen Flamme tritt eine weitere Gestalt.

NANAMI:
„Für Xena und für mich.“

GABRIELLE:
(unruhig)
„Nanami, das alles tut mir so leid. Ich...“

NANAMI:
(leise)
„Das muss es nicht. Ich glaube, das ist mein Schicksal.
Deine Zeit ist begrenzt. Du musst das Katana hier lassen.
Damit ist deine Aufgabe hier erfüllt.“


GABRIELLE:
(aufgeregt)
„Nein, ich will nicht wieder fort. Lass mich hier bleiben.
Wir Kriegerinnen glauben nicht an Schicksal.“


XENA:
(schmunzelnd)
„Woher du nur all diese Weisheiten hast?“

NANAMI:
„Akemi hat viele Anhänger in deiner Welt. Wer soll sie denn dort bekämpfen?“

XENA:
„Und wer soll auf mich warten, wenn ich nach Hause komme?“

GABRIELLE:
(traurig)
„Ich will dich nicht wieder verlassen,
ich habe dich doch gerade erst wiedergefunden.“

Plötzlich hat Gabrielle das Gefühl, als zöge sie jemand oder etwas fort. Sie fühlt sich schwach. Zu schwach, um sich dagegen zu wehren.

GABRIELLE:
(ängstlich)
„Lass mich nicht wieder allein.“

Xena hört die Worte nur noch aus weiter Ferne. Es wird ihr schwer ums Herz.

Gabrielle verblasst vor ihren Augen.

Sie hasst es, die Kontrolle über sich zu verlieren und so kehrt sie in sich, lässt nichts und niemanden an sich heran.

Sie fühlt sich in diesem Augenblick einsamer als je zuvor.


-Schnitt -

TEEHAUS

Gabrielle schlägt die Augen im richtigen Moment auf.

Reflexartig dreht sie sich zur Seite und entgeht nur knapp dem Katana, das neben ihrem Ohr herabsaust. Über ihr steht eine vermummte Gestalt. Instinktiv schnellt ihr rechtes Bein in die Höhe und trifft den Angreifer an einer sehr empfindlichen Stelle. Blitzschnell steht sie auf und greift nach ihren Sais. Ein Schlag mit der stumpfen Seite einer Saisgabel lässt den Angreifer erneut zu Boden gehen.

Gabrielle sieht sich um.

Vor ihr liegen die Leichen der beiden Dienerinnen. Die weißen Gewänder sind von ihrem Blut durchtränkt und der Raum ist verwüstet. Gabrielle greift den vermummten Angreifer an den Kragen. Sie rüttelt ihn und als dieser nicht erwacht, zerrt sie den schweren Körper ins Freie. Dabei ist sie immer auf der Hut, da vielleicht noch andere in einer Ecke lauern. Sie nimmt den Eimer, der beim Brunnen steht, füllt ihn mit Wasser, zieht dem Mann die Kapuze vom Gesicht und leert den Eimer über ihm aus.

GABRIELLE: (wütend) „Wer schickt dich?“

Als er nicht antwortet, hält sie ihm eine Saisgabel an den Hals.

ANGREIFER:
(gesprächig)
„Es war nur ein Auftrag. Mein Herr schickt mich.“

GABRIELLE:
„Wer ist dein Herr?“

ANGREIFER:
(sehr gesprächig)
„Mein Shogun. Mein Feldherr. Er sehr mächtig. Er dienen der dunklen Seite. Shogun wird mich töten. Ich habe versagt.“

Mit einem Male zieht er einen Dolch, doch er kommt nicht mehr dazu ihn zu benutzen. Ohne zu zögern stößt Gabrielle die Saisgabel in seinen Hals. Sie sieht dem Sterbenden ins Gesicht.



GABRIELLE:
„Ich werde deinem Feldherrn Grüße von dir bestellen.“

Gabrielle steht auf und macht sich auf den Weg zum Schrein. Ihre Schritte werden immer schneller. Sie rennt. Sie ruft nach Isamu, doch bekommt keine Antwort. Der Schrein scheint verlassen zu sein. Dann betritt sie die Innere Kammer.


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INNERE KAMMER

Sie durchsucht jeden Winkel. Doch es gibt keine Spur von dem Priester oder der Urne. Dann vernimmt sie ein Geräusch, Schritte. Ihr Herz pocht. Ihr Atem geht schnell.

Dann erkennt sie Isamu.

GABRIELLE:
(aufgeregt)
„WO IST DIE URNE?“

ISAMU:
(gefasst)
„Urne ist dort wo hingehören. Warten auf dich auf Berg Fuji. Morgen,
wenn Mond erleuchten Brunnen du schütten Asche in Wasser.
Aber haben kleines Problem.“


GABRIELLE:
(nervös)
„Ach was?
Das ist ja was ganz Neues.“


ISAMU:
„Problem Nummer eins: Du seien viel zu nervös, müssen ruhiger werden.
Müssen Verstand benutzen.
Problem Nummer zwei: Shogun warten mit Armee am Fuße von Berg Fuji.“

Gabrielle lässt die Schultern sinken. Langsam geht sie ins Freie.


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VOR DEM SCHREIN

Es ist so friedlich. Doch noch immer ist der Himmel wolkenbehangen. Sie hat das Gefühl, dass jeden Moment ein Sturm losbrechen könnte. Ihr Begleiter und auch die Pferde sind verschwunden. Gabrielle blickt empor zum Berg Fuji. Dann vernimmt sie das Schlagen von Trommeln.

Nur ein Hügel liegt zwischen ihr und dem Berg. Sie zögert. In ihrem Innersten weiß sie, dass sie gegen ein mächtiges Heer keine Chance hat. Doch wenn sie schon nicht mit Xena leben kann, dann will sie wenigstens für sie sterben. Sie macht einige Schritte auf den Hügel zu. Dort entdeckt sie den toten Körper ihres treuen Samurai. Sie nimmt sein Katana und seine Rüstung. Dann legt sie ihre Kleidung ab und rüstet sich für einen aussichtslosen Kampf.


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SCHATTENREICH

Nanami kommt auf Xena zu. Sie nimmt ihre Hand.

NANAMI:
„Hab Mut. Nimm das Katana. Es ist mächtig.
Seine Macht wird von der Liebe hervorgerufen.
Sie ist stärker als alles andere.
Wenn die Liebe Akemis Herz berührt,
so wird sich unser aller Schicksal ändern.“


XENA:
(zweifelnd)
„Dein Glaube ist so stark. Kann es wirklich so einfach sein?“

NANAMI:
„Glaube an die Kraft der Liebe und wir werden siegen.
In unserer Religion glauben wir,
dass jeder Mensch im Grunde gut ist.“

Sie verharren in ihrem Gefängnis und warten auf den Moment der Erlösung.


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VOR DEM SCHREIN

Es beginnt wieder zu regnen und die ersten Donnerschläge hallen durch die Nacht. Sie vereinen sich mit den dumpfen Schlägen der Trommeln. Blitze erleuchten den Himmel. Erneut blickt Gabrielle hinauf. Der Berg erscheint ihr übermächtig. Sie fühlt sich klein und unbedeutend im Angesicht der Natur.

Langsam steigt sie den Hügel hinauf. Als sie fast oben angekommen ist, duckt sie sich und sieht über den Rand.

Und dann, als erneut ein Blitz den Nachthimmel aufleuchten lässt, sieht sie die Armee. Es müssen Hunderte von Kriegern sein, denkt sie. In ihren Gedanken hört sie Xenas Stimme.

*Lausche auf das, was hinter all den Lauten ist* hat sie einst zu ihr gesagt.

Gabrielle schließt die Augen und versucht die gesamte Umgebung in sich aufzunehmen. Sie ist unentschlossen. Es ist der Weg der Kriegerin. Doch ist es der richtige Weg?

Vielleicht kann sie wirklich nur im Tod mit Xena vereint sein. Die Minuten verstreichen. Dann, plötzlich, kommt ihr ein Gedanke.

GABRIELLE:
(leise zu sich)
„Was hinter den Lauten ist? Aber natürlich.
Wie konnte Isamu den Berg ungesehen wieder verlassen?
Verdammter schlitzohriger Priester.
Ich werde dir zeigen, dass ich meinen Verstand gebrauchen kann.“



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IM SCHREIN

Gabrielle ist zurückgeeilt. Ihre Kleidung ist durchnässt und sie ist erschöpft. Als sie den Hof des Schreins betritt, kommt ihr bereits Isamu entgegen. Sie bleibt vor ihm stehen. Ihre Augen verengen sich zu zwei Schlitzen, die erahnen lassen, dass ein Feuer in ihr brodelt. Doch sie bleibt äußerlich ruhig.

GABRIELLE:
(gefasst)
„Ich bin nicht nervös. Nur etwas ungehalten.“

ISAMU:
(lächelnd)
„Du hast gebraucht Verstand. Nun ich weiß, du bist würdig, zu betreten heiligen
Berg. Nicht immer Kampf ist einziger Weg des Kriegers. Nun mir folgen.“


GABRIELLE:
(flüsternd)
„Altes Schlitzohr.“

ISAMU:
„Das ich habe gehört. Alte Schlitzohren noch sehr gut. Du sollst mir folgen.“

Sie überqueren den Hof, vorbei am Teehaus. Der Priester bleibt vor einer Holzpforte stehen, die in den Felsen eingelassen ist. Er drückt einen losen Stein an der rechten Seite und die Pforte öffnet sich.

ISAMU:
„Wird langer Fußmarsch. Ich jetzt holen Verpflegung.
Müssen Körper stärken, damit Verstand weiter gut arbeiten.“

Nachdem der Priester Gabrielle und sich mit Nahrung versorgt hat, machen sie sich auf den Weg. Die Pforte führt in ein verzweigtes Labyrinth von Gängen. An der felsigen Decke hängen tropfende Gebilde und es ist feucht und kalt. Allein hätte Gabrielle sich dort niemals zurecht gefunden.


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