Kapitel 1: Das heilige Katana
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AN DECK DES SCHIFFES

Gabrielle starrt hinaus auf das Meer. Die Küste kommt immer näher und ein beklemmendes Gefühl überkommt sie. Sie erinnert sich an den Augenblick, als sie Xenas Nähe das letzte Mal wirklich gespürt hat. Damals hat Gabrielle das Gefühl verspürt, ihre Gefährtin stünde neben ihr, um sie zu begleiten und sie hat sogar ihre Stimme gehört. Sie hat gesagt: „Wo immer du hingehst, ich bin an deiner Seite.“

Es erscheint ihr nun alles so fremd. Gabrielle versucht diesen Moment immer wieder aufs Neue in sich wach zu rufen, aber es will ihr nicht recht gelingen. Und je mehr sie es versucht, umso trauriger wird sie.

GABRIELLE:
(in Gedanken)
„Man kann Gefühle nicht festhalten, Xena.
Sie brechen aus dir heraus und im Laufe der Zeit verwandeln sie sich in Erinnerungen.
Manche Schmerzen bleiben ein ganzes Leben lang.
Du hast gesagt, dass du immer an meiner Seite bist.
Habe ich mir das nur zu sehr gewünscht?
Ich weiß es nicht, ich weiß es einfach nicht mehr.“

Eine Träne läuft ihre Wange hinunter.

Dann wird sie jäh aus ihren Gedanken gerissen.

KAPITÄN:
„Junge Frau, wir legen gleich an.
Mach dich bereit von Bord zu gehen.“


GABRIELLE:
„Ja, ist gut. Vielen Dank.
Die Überfahrt war weitaus besser als meine letzte.“

Minuten später wird der Anker ins Wasser gelassen und Gabrielle besteigt ein kleines Boot, das sie an Land bringen soll.

GABRIELLE:
(leise zu sich)
„Higuchi.“

Fast flehentlich kommt ihr das Wort über die Lippen, als hoffe sie, dass jemand auf sie warte. Jemand oder etwas. Sie weiß es nicht.
Aber als sie den Steg erreichen, ist niemand dort, den sie kennt.
Also verlässt sie das Boot und sieht sich um.

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HIGUCHI

Es hat sich kaum etwas verändert. Aber wie kann es auch anders sein, schließlich sind erst einige Wochen vergangen, seit sie den Ort verlassen hat. Einige der Hütten, die der Brand damals vernichtet hat, sind wieder aufgebaut.
Menschen gehen an ihr vorbei und manche sehen sie misstrauisch an.

Also geht sie die Straße hinauf, um sich nach einem Platz zum Übernachten umzusehen.

Versehentlich stößt sie mit einer alten Frau zusammen.

ALTE FRAU:
(verärgert)
„Du aufpassen wohin laufen.
Sonst alte Füße werden junge Füße Beine machen.“


GABRIELLE:
(erschrocken)
„Verzeihung. Ich habe dich nicht gesehen.
Bitte, kannst du mir sagen, wo ich eine Herberge finde?“


ALTE FRAU:
(etwas freundlicher)
„Weiter Straße hinauf seien Herberge.
Nicht billig, aber Essen gut.
Gibt Rakugoka dort. Sehr gut.“


GABRIELLE:
(erstaunt)
„Rakugoka?“

ALTE FRAU:
(lächelnd)
„Seien Geschichtenerzähler. Manchmal sehr lustig.
Manchmal sehr traurig.“


GABRIELLE:
(lächelnd)
„Ah. Gut. Sowas mag ich." (verbeugt sich) "Vielen Dank. Leb wohl.“

ALTE FRAU:
(belustigt)
„Ja. Das ich hoffe. Solange mir nicht fremde Leute treten auf Füße.“

Schon kurze Zeit später hat Gabrielle die Herberge gefunden und tritt ein.


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HERBERGE

Sie sieht sich um und fragt schließlich einen Mann mittleren Alters:

GABRIELLE:
(höflich)
„Entschuldigung. Ich brauche ein Zimmer.“

MANN:
(fast höflich)
„Du haben Geld?“

GABRIELLE:
(verlegen)
„Nicht mehr sehr viel. Die Reise war kostspielig.“

MANN:
(weniger höflich)
„Dann du gehen und schlafen woanders.“

Der Mann will sich schon umdrehen, aber Gabrielle spricht ihn erneut an.

GABRIELLE:
(freundlich)
„Ich erzähle ganz gute Geschichten.
Können wir uns nicht irgendwie einig werden?;“


MANN:
(etwas höflicher)
„So, so. Du seien Rakugoka.
Aber woher ich weiß, dass du etwas kannst?“


GABRIELLE:
(zuversichtlich)
„Ich mache dir einen Vorschlag. Ich erzähle heute Abend eine Geschichte.
Wenn sie den Leuten gefällt, lässt du mich eine Nacht kostenlos hier schlafen.
Wenn nicht, dann habe ich eben Pech und werde gehen.“


MANN:
(überaus höflich)
„Gutes Angebot. Werden sehen.
Mein Name ist Yano. Du hast bestimmt Hunger.“


GABRIELLE:
(erleichtert)
„Ich bin Gabrielle und sehr hungrig. Vielen Dank.“

Gabrielle setzt sich an einen flachen Tisch, sodass sie wie alle anderen auf dem Boden sitzt. Unter ihr befindet sich eine Matratze, die sich sehr bequem anfühlt.

Es werden viele Speisen herangetragen, vor allem Fisch, der in kleinen Portionen roh serviert wird.
Dazu gibt es reichlich Tee und Sake.

Gabrielle wird von ihren Tischnachbarn genaustens beobachtet. Die meisten schütteln ihren Kopf angesichts der Schnelligkeit, mit der die junge Frau ihr Essen hinunterschlingt.

GABRIELLE:
(leicht errötet zu ihrem Gegenüber)
„Mache ich etwas falsch?“

MANN:
(grinsend)
„Du essen zu schnell. Du musst Essen genießen.
Der Sake scheint dir auch gut zu schmecken. Wir hier haben ein Sprichwort, das sagt:
*Der Trunkene bleibt seinem wahren Wesen treu.*
Wenn so weiter trinken, du werden dir sehr treu sein morgen früh.“

Gabrielle hat den Alkoholgehalt des Getränkes etwas unterschätzt. Aber die Warnung kommt rechtzeitig. Sie ist nun gestärkt und vielleicht etwas angeheitert.

GABRIELLE:
(munter)
„Wo geht es zur Bühne? Ich erzähle euch jetzt eine Geschichte.
Aber... Ich hab das lange nicht mehr gemacht.
Hoffentlich habe ich nicht zu viel verlernt.“

Dann steht sie auf.

Zielstrebig geht sie auf eine Art Podium zu. Auf dem Boden liegt ein kleines Kissen.

Yano, der Besitzer der Herberge, zeigt ihr mit einer Geste, dass sie sich auf dieses Kissen knien soll. Gabrielle versteht ihn nach kurzer Überlegung und lässt sich gleichzeitig auf beide Knie nieder.
Dann verbeugt sie sich.

GABRIELLE:
(lächelnd)
„Konnichiwa. Mein Name ist Gabrielle.“

Es sitzen ungefähr 25 Männer vor ihr, die sie teils gespannt, teils aber auch skeptisch anblicken.

MANN:
(rufend)
„FANG SCHON AN!“

GABRIELLE:
(selbstbewusst)
„Immer mit der Ruhe...“



„Ich erzähle von einer Kriegerin, die ich einst kannte.
Sie kämpfte für Gerechtigkeit und bekämpfte Unrecht, wo immer sie es fand.
Und ich hatte die Ehre an ihrer Seite zu sein.
Eines Tages, führte uns unser Weg in ein für mich fremdes Land,
das Japa genannt wurde...“

Und Gabrielle erzählt die Geschichte von der Rettung eines Dorfes, von dem großen Kampf und dem Sieg über den bösen Geist Yodoshi.

GABRIELLE:
„... und nun bin ich zurückgekehrt, um das Unrecht,
das dieser Kriegerin angetan wurde, wieder gut zu machen.
Das ist längst nicht das Ende der Geschichte.
Aber wie sie ausgehen wird, das kann mir nur die Zukunft zeigen.;“

Es ist still im Raum. Kein Ton ist zu hören.

Dann stehen die Männer auf und einige von ihnen ziehen ihre Waffen.

Gabrielle schaut verwundert in die Gesichter der Männer. Was haben sie vor?

Ein alter Mann kommt, auf einen Stock gestützt, näher und bleibt vor ihr stehen.

ALTER MANN:
„Wir wissen, von wem du erzählt hast.
Bei uns man sagen:
Das Herz seien kristallener Tempel;
einmal zerbrochen kann es nie wieder zusammengefügt werden.
Mein Herz zerbrochen, als meine Familie vor vielen Jahren bei großem Brand umkam.
Dann kam Kriegerin und gab ihr Leben für Freiheit von 40 000 Seelen.
Dann mein Herz begann wieder zu schlagen.
Doch nun wir wissen, dass man die Kriegerin und uns alle betrogen hat.“

Die Männer, die ihre Katanas in den Händen halten, knien sich auf den Boden und legen Gabrielle die Waffen zu Füßen.

Gabrielle schluckt und Tränen glitzern in ihren Augen.

ALTER MANN:
(freundlich)
„Diese Männer seien Samurai. Sie werden dir dienen.
Samurai werden dich schützen im Kampf gegen böse Geister.“


Gabrielle weiß nicht was sie sagen soll. Als sie gerade den Mund öffnen will, geht die Tür auf. Sofort stellen sich die Krieger vor Gabrielle und erheben ihre Katanas.

Zunächst kann man nicht erkennen wer den Raum betreten hat. Doch dann...

GABRIELLE:
(überrascht)
„NANAMI?“

Nanami kommt näher. Sie trägt etwas in ihren Händen. Als sie vor Gabrielle steht, streckt sie beide Hände aus und senkt den Kopf.

NANAMI:
(sanft)
„Ich bringe dir das heilige Katana meiner Ahnen.
Nimm das Katana, es ist die Waffe, die Xena in ihrem letzten Kampf treu gedient hat.
Nun soll sie ihr wieder dienen, im Kampf gegen meine Schwester Akemi.“

Gabrielle sieht Nanami entsetzt an.

GABRIELLE:
(erschrocken, ungläubig)
„DEINE SCHWESTER?“

GASTWIRT YANO:
(mit überspielter Angst)
„Fremde Geschichtenerzählerin braucht nicht zahlen. Können wohnen solange wie wollen.“


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HERBERGE

Der Morgen dämmert bereits. Lange hat man miteinander gesprochen. Jeder berichtet von seinen Erlebnissen, Taten und Erinnerungen. Viele haben unter Yodoshi und seinen Schergen gelitten. Gabrielle hat das Gefühl unter Gleichgesinnten zu sein und sie alle haben nur ein Ziel: Die endgültige Vernichtung des Bösen, das in Gestalt von Akemi noch immer sein Unwesen treibt. Gabrielle hält das Katana in ihren Händen und glaubt die Macht zu spüren, die von ihm ausgeht.

Sie sitzt gemeinsam mit Nanami in einer Ecke der Herberge. Sie sehen sich lange Zeit nur an, ohne ein Wort zu sprechen. Doch dann...

NANAMI:
(leise)
„Ich schäme mich.“

GABRIELLE:
(lächelnd)
„Das musst du nicht. Es ist nicht deine Schuld.
Man kann sich seine Verwandten nicht aussuchen.
Hast du schon einmal von einem Mönch namens Isamu gehört?“




NANAMI:
(überrascht)
„Isamu? Den kennt hier fast jeder.
Sein Schrein liegt etwa drei Tagesritte von hier entfernt, am Fuße des Berges Fuji.
Er ist ein guter Mann, etwas wunderlich, aber gut. Vielleicht kann er uns helfen.
Ich habe dir doch heute Nacht erzählt, das ich eine Schamanin bin.
Es gibt etwas, das ich dir noch nicht gesagt habe.“


GABRIELLE:
(gespannt)
„Nur raus mit der Sprache. Mich erschüttert so leicht nichts mehr.“

NANAMI:
„Ich fand einen Weg in die Welt der Schatten.
Und ich sprach mit Xena.“


GABRIELLE:
(erschrocken)
„Du hast mit ihr gesprochen?“
(aufgeregt)
„Was hat sie gesagt? Wo kann ich sie finden? Ich kann es nicht glauben.“

NANAMI:
„Sie sagte zu mir: Sag Gabrielle, dass ich sie liebe...“

Gabrielle legt behutsam das Katana auf den Boden.

Sie beugt den Oberkörper nach vorn und ihre Stirn berührt den Boden. Sie schlägt mit einer Faust auf den Boden und beginnt hemmungslos zu weinen.

NANAMI:
(sanft)
„Bitte hör auf. Das bringt doch nichts. Wir haben eine Aufgabe.
Wir müssen uns die Urne mit Xenas Asche zurückholen.
Und ich weiß inzwischen auch wo sie ist.“

Gabrielle sieht vom Boden auf, zunächst noch verwirrt, dann interessiert.

GABRIELLE:
„Du weißt wo sie ist?
Wo?“




NANAMI:
„Ich war mir zunächst nicht sicher, doch dann kam ich auf den Gedanken,
dass meine Schwester sie vielleicht direkt vor unserer Nase versteckt haben könnte.
Und ich glaube, dass sie sich im Schrein unserer Ahnen befindet.“


GABRIELLE:
(aufgeregt)
„Worauf warten wir dann noch? Los! Holen wir sie!“

NANAMI:
(verlegen)
„Moment noch. Die Sache hat einen Haken.;“

GABRIELLE:
(enttäuscht)
„Oh verdammt. Ich hätte es mir denken können.“

NANAMI:
„Ich vermute, dass die Urne dort ist, denn der Schrein wird von Kriegern bewacht.
Es muss sich also etwas für Akemi Wertvolles darin befinden.“

Gabrielle steht auf. Sie trommelt alle verfügbaren Samurai zusammen und gemeinsam besprechen sie einen Schlachtplan. Ein Überraschungsangriff erscheint ihnen als die beste Taktik.

NANAMI:
(verunsichert)
„Falls die Urne wirklich dort ist und falls wir es schaffen sie zu entwenden,
dann ist Akemi gewarnt. Noch weiß sie nicht, dass du hier bist.“


GABRIELLE:
(zuversichtlich)
„Ich denke, dass wir das Risiko eingehen müssen.
Früher oder später wird es sowieso zu einem Kampf kommen.“

Sie warten bis es dunkel ist und rüsten sich für den Kampf.


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