Kapitel 3: Das Nachtlager

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LAGERPLATZ AN EINER LICHTUNG

Als beide fertig sind und sich so gegenüber sitzen, blickt Nanami Gabrielle fragend an.


NANAMI:
(neugierig)
„Nun, an was hast du dich erinnert?“

GABRIELLE:
(zögernd)
„An viele Dinge. An lustige Dinge
An die Zeit mit Xena. Wir haben viel gelacht.“

Sie hofft Nanami werde nicht weiter fragen, was jedoch unwahrscheinlich ist.

NANAMI:
(schmunzelnd)
„Also ich für meinen Teil, kann nach all der Aufregung noch nicht einschlafen und außerdem... Ich höre gerne Geschichten“.

Gabrielle holt einmal tief Luft und beginnt die Erinnerungen wieder aufleben zu lassen.
Sie erzählt, und je mehr sie von ihren gemeinsamen Erlebnissen mit Xena berichtet, umso mehr verschwindet ihre Traurigkeit. Wenigstens für eine kurze Zeit.

Schließlich macht sie eine kurze Pause und steht auf, um den Trinkschlauch zu holen, der noch bei den Pferden liegt. Sie nimmt einen tiefen Schluck und reicht Nanami das Wasser, was diese dankend annimmt. Nanami setzt den Schlauch ab und wischt sich den Mund genüsslich ab.

NANAMI:
(lächelnd)
„Du wirkst glücklich.“

GABRIELLE:
(wieder in sich gekehrt)
„Ich hatte nur schon vergessen, dass wir auch viel zusammen gelacht haben. In den letzten Stunden konnte ich nur an...“

NANAMI:
"An was?"

GABRIELLE:
(sah zur Seite)
„Nicht so wichtig.“

Als Gabrielle Nanami so betrachtet, fällt ihr auf einmal etwas auf.

GABRIELLE:
(in Gedanken)
„Ich werde das Gefühl nicht los, diese Frau auf irgendeine Art und Weise zu kennen.“

Aber es fällt ihr nicht ein, wo und wann sie Nanami schon einmal gesehen hat. Es kann aber nicht allzu lange her sein.


GABRIELLE:
(interessiert)
„Erzähl doch mal was über dich. Wie bist du denn in die Hände der Piraten geraten?“

Nanami überlegt, was sie von sich preisgeben kann, ohne sich zu verraten.

NANAMI:

„Na ja, wie du unschwer erkennen kannst, stamme ich aus dem fernen Japa, aus dem kleinen Dorf...“

Bevor sie jedoch weiter erzählen kann, merkt sie, dass Gabrielle von all den Strapazen eingeschlafen ist. Sie geht zu ihr und legt sie auf die Decke, so dass sie bequem schlafen kann. Nanami blickt sie mit einem tiefen und lang anhaltenden Blick an.



NANAMI:
(flüsternd, mit einem geheimnisvollen Lächeln)
„Schlaf gut, tapfere Kriegerin.“

Sie gibt Gabrielle einen freundschaftlichen Kuss auf die Stirn, und legt sich neben ihr auf die Decke. Bald darauf ist sie auch eingeschlafen.


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LAGERPLATZ AN EINER LICHTUNG

Nanami erwacht mitten in der Nacht und setzt sich aufrecht neben Gabrielle hin.
Im fahlen Mondschein lässt sie ihren Blick auf Gabrielles Gesicht ruhen und versucht zu ergründen, was von dieser Frau ausgeht. Gabrielle hat eine sehr starke und ausgeprägte Aura, dies kann sie deutlich spüren. Da ist mehr, als es auf den ersten Blick den Anschein hat. Sie ist sich nun sicher, wie sie handeln muss. Sicher, dass Gabrielle die richtige Person ist. Sicher, dass sie die Visionen richtig gedeutet hat.

Nanami versucht ihre Gaben so wenig wie möglich einzusetzen, aber als ihr Gabrielles Wunden bewusst werden, überkommt sie das unbändige Verlangen, ihr zu helfen. Sie legt beide Hände auf Gabrielles Gesicht und schließt die Augen, um sich zu konzentrieren. Sie lässt ihre Kraft auf Gabrielle einwirken und nach einiger Zeit fangen die Wunden an, sich auf wundersame Weise zu schließen und verschwinden ganz, als wären sie niemals da gewesen. Auch lässt sie Gabrielles Körper erstarken, indem sie Kraft von sich selber an sie abgibt.

Nach unendlich erscheinenden Minuten (oder sind es Stunden gewesen?) schlägt Nanami die Augen wieder auf.

NANAMI:
(leise zur schlafenden Gabrielle)
„Ich hoffe damit wenigstens etwas von dem was dir widerfuhr gutmachen zu können...
aber du wirst deinen Weg finden.“

Sie streichelt ihr nochmals zärtlich von der Stirn über die Wangen zum Kinn hinunter und lächelt sie fast verlegen an. Dann steht sie auf, nimmt ihr Pferd und verschwindet im Wald.

Eine trügerische Stille liegt auf der Waldlichtung, friedlich... und doch...


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AM FRÜHEN MORGEN

Gabrielle erwacht, als die Sonne gerade aufgeht. Sie hört wildes Stimmengewirr und Pferdehufe, die sich ihr zu nähern scheinen.
Das kann nichts Gutes bedeuten und sie wagt nicht sich zu rühren sondern spielt erst einmal weiter die Schlafende. Innerlich fühlt sie sich kraftvoll und gestärkt wie seit langem nicht mehr, aber darüber macht sie sich in diesem Moment keine weiteren Gedanken. Sie spannt unmerklich ihre Muskeln an, um für eine Abwehr bereit zu sein. Langsam erwacht die Kämpferin in ihr.

Die Huftritte kommen immer näher und verstummen schließlich. Einer der Unbekannten steigt vom Pferd und beugt sich zu Gabrielle hinab.

MÄNNLICHE STIMME:
(mit einem Unterton der Befriedigung)
„Na, da ist ja unsere kleine Ausreißerin...“

Er legt seine Hand auf ihren Rücken.

MÄNNLICHE STIMME:
(zu den Anderen rufend)
„Steht nicht so dumm rum und sucht das andere Miststück, sie kann noch nicht weit sein.“
(drohend)
„Und bringt mir ja mein Pferd unbeschadet wieder, sonst werdet ihr den Tag verfluchen,
an dem ihr geboren wurdet!“

Die Anderen eilen weiter, um - so mutmaßt Gabrielle - Nanami zu suchen.

GABRIELLE:
(denkt bei sich)
„Zumindest ist sie erst einmal in Sicherheit, aber freu dich nicht zu früh mein Lieber.“

Sie macht sich bereit zum Kampf. Gerade als der Anführer mit seinem Dolch, den er zwischenzeitlich gezogen hat, ihren Rücken entlang fährt, ist es für Gabrielle soweit. Mit einer blitzschnellen Bewegung fährt ihre Hand nach oben und packt seine, in der sich der Dolch befindet. Da er der Meinung war, sein Opfer würde noch schlafen und nicht solche Kampfkünste beherrschen, fällt ihm die Waffe aus der Hand ehe er reagieren kann. Gabrielle dreht sich geschickt um und trifft den Angreifer mit ihrem Knie zwischen seinen Beinen.

ANFÜHRER:
(schreiend)
„Ahhh!“

Er fällt auf den Boden und Gabrielle nutzt die Gelegenheit, hebt den Dolch, der neben ihm liegt, auf, setzt sich direkt auf ihn und drückt ihm die Klinge an den Hals.



GABRIELLE:
(mit überlegenem Lächeln und schadenfroh)
„Ohhh, hat's weh getan?“

Und bevor er etwas entgegnen kann, da der Schlag immer noch höllisch weh tut und er nach Luft ringt, fährt sie fort.

GABRIELLE:
(warnend)
„Denk noch nicht mal daran dich zu wehren, denn sonst wäre das Letzte, was du siehst, dein eigenes Blut, das mich besudelt.“

Sie bemerkt, dass die Anderen seinen Schmerzensschrei gehört haben und zur Lichtung unterwegs sind, um nachzusehen was passiert ist.
Gabrielle hebt eine Hand schlagartig in die Höhe, um ihnen zu zeigen, dass sie nicht näher kommen sollen.

GABRIELLE:
(drohend)
„Bleibt wo ihr seid, oder ihr benötigt einen neuen Anführer!“
(zum Anführer gewandt)
„Also wer seid Ihr und was wollt Ihr von mir? Los sprich, solange es du noch kannst.“

ANFÜHRER:
(gequältes Lächeln; schreiend und nach Luft ringend)
„Worauf wartet ihr Idioten? Los! Tut was!“

Seine Männer wollen sich schon auf Gabrielle stürzen, als sie den Dolch von seinem Hals nimmt und diesen mit Wucht in den Bauch des Ersten schleudert, der auf sie zustürmen will. Getroffen sinkt er zu Boden. Im gleichen Atemzug schlägt sie den Anführer mit zwei Fingern an eine bestimmte Stelle seines Halses.
Ohne darüber nachzudenken, ja geradezu reflexartig, benutzt sie den Trick, den sie in Japa vor Xenas Ableben gelernt hat.

GABRIELLE:
(überlegen)
„Ja, kommt her und erledigt mich, aber die unterbrochene Blutzufuhr in seinem Gehirn
wird ihn binnen 30 Sekunden in den Tartarus befördern. Ihr habt die Wahl.“

Die Männer stehen völlig verwirrt um Gabrielle herum. Das macht sie sich zu Nutze und steht auf. Dabei zerrt sie den Anführer mit auf die Beine und zieht sein Schwert heraus.

Sie drückt es ihm auf den Brustkorb und entfernt sich mit ihm langsam in Richtung ihres Pferdes. Er röchelt und das Gehen fällt ihm schwer. Blut rinnt aus seiner Nase und die Zeit läuft ab, Sekunde um Sekunde.
Im letzten Moment erlöst sie ihn mit einem Schlag auf den Hals, so dass das Blut wieder zirkulieren kann. Völlig benommen kann er sich nicht dagegen wehren, dass Gabrielle ihm die Hände auf den Rücken fesselt. Sie nimmt die Zügel in die eine Hand, in der anderen das Schwert, und gibt ihm zu verstehen, dass er sich in Bewegung setzen solle.
Sie verschwinden im Wald. Die anderen wissen immer noch nicht so recht wie sie reagieren sollen und stehen wie angewurzelt da.

GABRIELLE:
(in Gedanken)
„Jetzt aber nichts wie weg.“


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TIEFER IM WALD

Sie wähnt sich schon in Sicherheit, als sie ein Rascheln aus dem Dickicht vernimmt. Bevor sie mitbekommen hat, was geschieht, erhält sie einen Schlag auf den Kopf und fällt nach vorne auf den Boden. Offensichtlich sind nicht alle den Schreien des Anführers gefolgt, denn einer von ihnen hat sie erwischt. Noch benommen kniet sie sich hin und sieht wie der Kerl die Fesseln seines Bosses löst und beide gemeinsam auf Gabrielle zurennen.
Auch die Anderen sind hierher unterwegs.
Sie steht etwas benommen, was aber noch schlimmer ist, gänzlich ohne Waffen da. Denn das Schwert ist ihr bei dem Schlag auf den Kopf ins Unterholz gefallen und im Moment nicht auffindbar.

Aber als sie sieht, wie die Beiden sich auf sie stürzen, erwacht Kampfinstinkt wieder voll.
Mit einem Satz ergreift sie den Ast, der schräg vor ihr ist. Mit dem Schwung gelingt es ihr diesen zu fassen; sie vollführt drei Saltos daran, gelangt so auf den nächst höheren Ast und entkommt in Richtung Baumwipfel.
Die Zwei, die sich auf Gabrielle stürzen wollten, prallen zusammen und fallen übereinanderliegend zu Boden. Laut fluchend stehen sie wieder auf, als der Rest der Horde ebenfalls am Ort des Geschehens eintrifft. Mit lautem Gebrüll deutet der Anführer zu dem Baum, auf dem Gabrielle entkommen ist.

ANFÜHRER:
(schreiend)
„Was ist? Los rauf auf den Baum und bringt dieses Biest lebendig zu mir!!!!“

Aber die Anderen stehen nur ratlos vor dem Baum und wissen nicht wie sie den glatten Stamm hinauf kommen sollen.

Da erkennt Gabrielle ihre Chance, springt in die Mitte der noch verwirrten Piraten und ergreift die Lanze eines hünenhaft aussehenden Kerls. Bevor er reagieren kann, rammt sie ihm seine eigene Waffe in den Bauch, allerdings nicht mit der Spitze sondern mit dem stumpfen Ende. Schnell zieht sie die Lanze wieder zurück, der Pirat geht unter einem markerschütternden Wehgeschrei zu Boden und bleibt reglos liegen. Dann schwingt sie die Lanze - ganz wie in alten Zeiten ihren getreuen Stab - und wirbelt herum, um einen nach dem anderen niederzuschlagen.

Der Anführer stürmt von hinten auf Gabrielle zu, doch sie dreht sich blitzschnell um.
Er verharrt mit weit aufgerissenem Mund vor ihr und starrt sie mit großen Augen ungläubig an.

Seine Waffe fällt ihm aus den kraftlos werdenden Händen, als mit einem Male Blut aus seinem Mund sickert. Ohne es zu bemerken ist er soeben in Gabrielles Lanze gelaufen. Sie lässt ein gemeines Grinsen über ihre Mundwinkel huschen, als sein Körper zu Boden geht. Er ist tot, hat aber immer noch diesen überraschten Ausdruck auf dem Gesicht.
Bevor er zu Boden geht, fängt sie noch sein Schwert auf.

GABRIELLE:
(lakonisch zum Toten)
„Darf ich? Du brauchst es wohl nicht mehr.“

Mit dem Schwert streckt sie einen nach dem Anderen nieder.

Nach einem kurzen Kampf wird es ruhig und sie schaut sich um, ob auch keine weitere Überraschung auf sie lauert. Dann geht sie zum Anführer und schmeißt ihm das Schwert auf den leblosen Körper.

GABRIELLE:
(kurz angebunden)
„Danke.“

Langsam wird ihr bewusst, was eigentlich vorgefallen ist. Sie holt tief Luft und stellt zunächst befriedigt fest, dass sie nichts verlernt hat. Ihre Kraft, die sie schon verloren geglaubt hatte, ist wieder da.

Sie läuft zu ihrem Pferd und schwingt sich mit einem eleganten Satz von der Seite, gänzlich ohne Steigbügel, hinauf, ergreift die Zügel und wendet es auf der Stelle. Als ihr Blick im Umdrehen über den Kampfschauplatz schweift, überkommen sie Erinnerungen.
Das alles hat sie schon so oft gesehen, allerdings zumeist aus einer anderen Perspektive.

Abrupt hält sie ihr Pferd an.

GABRIELLE:
(laut zu sich selbst)
„Xena... verdammt...“

Immer hatte sie an Xenas Seite gekämpft, hatte oft genug ihre eigenen Handlungen und Taten in Frage gestellt. Doch dieses Mal ist es anders. Sie hat nicht an Xenas Seite gekämpft, sondern an ihrer Stelle. Ist das noch sie, Gabrielle, die so gnadenlos und fast ohne zu überlegen diesen Kampf bestritten hat?
Sie ist erschrocken über die Tatsache, dass sie es genossen hat, dem Gegner überlegen zu sein und ihn auszulöschen.
Sie ist nicht mehr eins mit sich selbst. Aber hatte sie das nicht alles so gewollt, als sie damals zu Xena gesagt hatte *Bring mir alles bei was du weißt.* und *Ich wäre so gern wie du.*?
Ihr wird klar, dass dies nicht ihr Weg ist, es ist Xenas. Für Gabrielle hat es immer nur den einen Weg gegeben. Gemeinsam leben oder gemeinsam untergehen. Das wird ihr mit einem Mal bewusster als je zuvor. Hat Xena sie um ihrer beider Leben oder Tod betrogen? Die Gefährtin hat sie vor vollendete Tatsachen gestellt, ohne die Möglichkeit einer eigenen Entscheidung.

Diese Erkenntnis löst in ihr gleichzeitig Wut und Trauer aus.
Sie weiß nun, was sie zu tun hat.

GABRIELLE:
(in Gedanken)
„So kommst du mir nicht davon...
Es gibt noch einiges zu klären.
Entweder ich hole dich zurück oder ich werde dir folgen.
So war es immer und so wird es immer sein.“

Um Nanami braucht sie sich im Moment anscheinend keine Sorgen machen, denn alle Piraten sind wohl ausgeschaltet und sie nicht in unmittelbarer Gefahr.

GABRIELLE:
(streichelt die Mähne des Pferdes und flüstert)
„Wir haben noch einiges zu erledigen...“

Gabrielle muss zurück zur Piratenhöhle um etwas für sie sehr Wichtiges zu suchen.

Es ist davon auszugehen, dass die Piraten das Schiff vollständig geplündert haben und so etwas wertvoll Erscheinendes wie eine kleine Truhe und ihre Waffen nicht zurückgelassen haben. Nur können die Kerle natürlich nicht ahnen, dass der Inhalt dieser Truhe nur für Gabrielle einen unvorstellbaren Schatz beherbergt:

Die Urne mit Xenas Asche.

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