Kapitel 1: Das Erwachen
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UNBEKANNTER ORT

Totenstille umgibt Gabrielle, als sie langsam erwacht.
Mühsam versucht sie ein Auge zu öffnen, muss es aber sofort wieder schließen, da ein grelles Licht sie blendet. Nur langsam gelingt es ihr, sich an die Helligkeit zu gewöhnen. Nach Minuten erst sieht sie vage und verschwommen ihre Umgebung. Nach und nach erkennt sie, dass sie auf einer grünen mit bunten Blumen reich bedachten Wiese liegt und ihr die Sonne ins Gesicht scheint.

Gabrielle hat keine Ahnung wie lange sie hier schon liegt oder wie sie überhaupt hierher gekommen ist, aber ihr Gesicht brennt wie Feuer. Erst jetzt bemerkt sie den Schmerz. Langsam richtet sie sich mit angewinkelten Beinen und ihren schmerzenden Kopf haltend auf.


Nach und nach nimmt sie das Vogelgezwitscher wahr, das überall um sie herum ist. Nun erkennt sie auch den Wald, der sich der Wiese anschließt und meint, einen Schatten zu erkennen. Trotz der Schmerzen überwindet sie ihren Drang einfach sitzen zu bleiben und steht mühselig auf.

Noch zittrig in den Knien und leicht schwankend geht sie in Richtung des Waldes, über dessen Dach sich in der Ferne ein großes Gebirge zeigt.
Als Gabrielle loswankt, scheint sich der Schatten umzudrehen und in den Wald zu laufen.

GABRIELLE:
(in Gedanken)
„Vielleicht weiß die, oder was immer das ist, wo ich bin und wie ich hierher gekommen bin.“


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VOR EINEM WALD

Sie läuft immer schneller auf die ersten Bäume zu. Doch die Gestalt oder der Schatten verschwindet einfach.

GABRIELLE:
(rufend)
„"Hey... Hallo... Bitte warte doch!"“

Ihre Stimme hallt durch den Wald doch sie bekommt keinerlei Antwort auf ihr Rufen.
Erst jetzt nimmt sie einen kleinen ruhigen See wahr, der sich in unmittelbarer Nähe befindet. Nun wird sie sich wieder ihrer Schmerzen im Gesicht bewusst und sie geht in Richtung des Sees. Vielleicht kann kühles Wasser die Schmerzen lindern.


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AM SEE

Gabrielle läuft direkt zum Ufer, lässt sich vor dem Wasser auf die Knie fallen und formt ihre Hände bereits zu einer Art Schale, um dieses darin aufnehmen zu können. Bevor sie die Hände jedoch ins Wasser eintauchen kann, sieht sie auf der Oberfläche eine schreckliche Fratze, ein Monster, das sie anstarrt.

Mit einem entsetzten Schrei springt sie auf und weicht einige Schritte zurück. Instinktiv greift sie an ihre Stiefel, um ihre Sais aus der Halterung zu ziehen und diesem schrecklichen Monster nicht unvorbereitet gegenüber zu stehen. Doch ihre Hand greift ins Leere: Es sind keine Sais da.

GABRIELLE:
(fluchend)
„Verdammt. Wo sind meine Waffen? Was ist hier überhaupt los?“

Sie blickt zu Boden. Was sie dort erblickt, lässt ihr das Blut in den Adern gefrieren und ihr Atem stockt.

GABRIELLE:
(schreiend, mit weit aufgerissenen Augen)
„Neiiin!“

Sie sieht, dass ihre Füße entstellt und fürchterlich zugerichtet aussehen: Die Knochen treten aus dem blutigen Fleisch und der vordere Teil fehlt gänzlich.
Langsam wird ihr bewusst, dass etwas Schreckliches passiert sein muss. Sie empfindet an ihren Beinen keinen Schmerz so wie es, nachdem was sie gesehen hat, hätte sein müssen.

Nun will es Gabrielle wissen. Vorsichtig humpelt sie wieder zum Wasser und senkt langsam ihren Blick auf die Wasseroberfläche. Sie öffnet die Augen langsam und blickt wieder auf die Kreatur... Nur schwerlich begreift sie, dass dieses "Ding" sie selber ist. Ihr Gesicht, oder besser gesagt was davon übrig geblieben ist, sieht aus wie eine Ausgeburt der schlimmsten Alpträume, die man sich vorstellen kann. Schwarz und blutverkrustet, die Nase nur andeutungsweise zu erkennen, Fleischfetzen, die von ihr herunterhängen... Es ist das Grauen schlechthin.

Gabrielle dreht sich um und rennt, dem Wahnsinn nahe, in den Wald.


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IM WALD

Sie rennt immer weiter, ohne eine Richtung oder Ziel, nur von Panik getrieben. Äste schlagen ihr entgegen und zerschneiden auch den Rest ihres Körpers immer mehr, aber das nimmt sie schon nicht mehr wahr. Nur weg von hier, egal wohin.

Nach unendlich langer Zeit wird es vor ihr immer heller und sie kommt am anderen Ende des Waldes an. Sie bleibt - völlig am Ende ihrer Kräfte - stehen und ringt nach Atem.
Langsam blickt sie wieder auf und erkennt weiter vor sich die Gestalt, die sie zuvor schon einmal erblickt hatte.

Diese Gestalt scheint Gabrielle zu rufen und sie auffordern zu wollen, zu ihr zu kommen.
Gabrielle läuft auf den Schatten zu und erst jetzt meint sie, diesen zu erkennen.

GABRIELLE:
(leise)
„Xena? Xena, bist du das?“

Sie läuft weiter, immer weiter. Dabei bemerkt sie nicht, dass sie einem Trugbild entgegen läuft, während sie sich auf eine tiefe Schlucht zubewegt.

GABRIELLE:
(zu sich flüsternd)
„Woher nur kenne ich diesen Namen?“

In ihrem Unterbewusstsein drängt er sich förmlich auf. Ihre Erinnerung scheint in einem Nebel zu liegen, in dem alles verschwindet und unklar ist. Es gibt nur diesen Augenblick, kein Gestern und kein Morgen.
Und dennoch drängt sich dieser Name immer wieder in ihre Gedanken. Bilder tauchen vor ihr auf. Doch sie kann sie noch nicht deuten. Etwas Vertrautes geht von dieser Frau aus, strahlt Wärme und Geborgenheit aus, so dass sie sich keine weiteren Gedanken darum macht. Wie eine Sirene säuselt es Gabrielle entgegen, dass sie zur Frau kommen soll.

GABRIELLE:
(fragend)
„Was willst du von mir?“

Mit einem Mal ist sie nur noch einen Schritt von Xena entfernt und sie breitet ihre Arme aus. Doch als sie einen weiteren Fuß nach vorne setzt, überschreitet Gabrielle den Felsen, vor dem sich dieser unendlich tief erscheinende Abgrund auftut.
Mit einem markerschütternden Todesschrei stürzt sie in die Tiefe; diese nicht enden wollende Tiefe.

GABRIELLE:
„Aaah!“

Dann ist es still.


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VOR EINER HÖHLE

Eine Frau steht über einen Brunnen gebeugt und versucht im Dunkeln, mit nur einer Kerze versehen, Wasser aus diesem zu schöpfen. Der Eimer, den diese asiatisch wirkende Frau versucht in die daneben stehenden Gefäße zu füllen, ist sehr schwer. Mit größter Mühe gelingt es ihr etwas davon umzufüllen. Da der Eimer aber nass und glitschig ist, gleitet er ihr aus den Händen, fällt mit einem lauten Knall auf die Tonkrüge und zerschlägt einen davon.
Ein bösartig und heruntergekommen aussehender Mann läuft laut fluchend auf sie zu und schlägt ihr ins Gesicht, so dass sie blutend zu Boden geht.

MANN:
(über ihr stehend)
„Na los, bring wenigstens die anderen Krüge heil in die Höhle!“

ASIATISCHE FRAU:
(mit gesenktem Kopf)
„Ja, Herr.“

Sie ist verängstigt und wagt es nicht, ihn anzuschauen.

Sie nimmt die Krüge und schleift sie in die Höhle zu den Piraten, die vor einigen Stunden das Schiff zum Untergehen gebracht haben, auf welchem Gabrielle sich auf dem Heimweg befunden hatte.


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IN DER HÖHLE

Die Piraten feiern ein großes Gelage über den neuen erfolgreichen Raubzug und die Plünderung dieses Wracks. Die Frau geht in die Höhle, aus der lautes Singen und Gejohle zu vernehmen ist. Trotz ihrer eigenen Schmerzen und seelischen Qualen, die bisher in der Zeit ihrer Gefangenschaft erleiden hat müssen, bedauert sie das jüngste Opfer, das diese Barbaren auf einer Art Steinaltar gefesselt haben. Sie weiß nur zu genau was dieser Gefangenen alles bevorsteht, denn dies hat sie alles ebenfalls durchmachen müssen. All die Erniedrigungen und Schäge, das Zerstören der Seele... Eine weitere Sklavin für diese menschenverachtende Meute.

Plötzlich wird sie aus ihren Gedanken gerissen, da ihr Name von diesen betrunkenen Unmenschen gelallt wird.

PIRAT:
(betrunken)
„Naaanamiii!!! Los, mehr Wein!“

Einer klatscht ihr mal wieder auf den Hintern.

Nanami, so der Name dieser unbekannten Schönen, gehorcht und schenkt diesen betrunkenen Kreaturen die Becher voll in der Hoffnung, dass diese irgendwann müde werden.

Nach weiteren Stunden des Saufgelages wird es langsam ruhiger in der Höhle und auch der letzte Pirat sinkt im Vollrausch in den Schlaf.

Nanami setzt sich völlig erschöpft neben den Altar, auf dem Gabrielle halbnackt liegt. Sie sehnt sich danach, diesem Grauen hier zu entkommen. Doch noch ist keine Flucht möglich. Noch muss sie hier bleiben, aber vielleicht kann sie wenigstens dieser Fremden helfen. Als ihr Blick jedoch über Gabrielles Rücken schweift, als sie das Tatoo darauf sieht, steht sie abrupt auf, weicht entsetzt ein paar Schritte zurück und bleibt dann wie angewurzelt stehen.

Sie kennt das Motiv, das sich auf deren Rücken befindet. Aber was hat diese Frau damit zu tun? Wieso? Die Geschichten, die sich um dieses Tatoo ranken, kennt Nanami. Und wie ein Blitz aus heiterem Himmel drängt sich der Name ‚Yodoshi' in ihre Gedanken.
Eine Frage nach der anderen stellt sich ihr, aber will sie Antworten bekommen, muss sie diese Fremde fragen, wird ihr bewusst. Vorsichtig schaut sich Nanami um und stellt beruhigt fest, dass alle tief und fest vor sich hin schlummern.

Ganz nah stellt sie sich an Gabrielle und dann legt sie ihre Hand auf deren Rücken. Sie tastet sich entlang des Tatoos nach unten vor: Tatsächlich, es ist nicht nur ein gemaltes Bild, es ist ein Tatoo.
Sie holt einen Krug mit Wasser, reißt sich ein Stück ihres Kleides ab und beginnt damit Gabrielles Wunden zu reinigen. Was muss sie durchgemacht haben, so zerschunden wie sie aussieht? Dann holt sie einen Dolch, der auf dem Boden neben einem Piraten liegt, und zerschneidet damit die Fesseln. Sie dreht Gabrielle auf den Rücken und hebt mit ihrer Hand deren Kopf, um das Gesicht zu waschen. Die Bardin muss langsam aufwachen, bevor es die anderen tun. Nanami tränkt den Stofffetzen nochmals mit Wasser und fährt damit zärtlich über Gabrielles Gesicht.



NANAMI:
(flüsternd)
„Hallo... Du... Aufwachen... Bitte lass mich nicht im Stich.“

Nanami hofft nur, dass Gabrielle schnell, und ohne einen Schock zu bekommen, aufwacht.

Da vernimmt sie Geräusch hinter sich und erschrickt. Langsam dreht sie sich um und erkennt, dass einer der Kerle gerade erwacht. Vorsichtig lässt sie Gabrielles Kopf auf den Altar zurücksinken und sieht sich um. Es ist Eile geboten, denn wenn er mitbekommt was hier vorgeht, ist alles verloren. Schnell ergreift sie den Wasserkrug, steht blitzschnell neben ihm und holt mit einem weiten Schlag aus. Der Krug zerbirst auf den Kopf des Piraten, so dass dieser wieder zu Boden geht und wohl nicht mehr so schnell aufwachen wird (wenn überhaupt). Die anderen haben nichts von der Aktion mitbekommen, stellt sie beruhigt fest und geht wieder zu Gabrielle. Sie nimmt ihren Kopf in den Arm und merkt, wie sich etwas regt und die Frau ins Leben zurückkehrt.


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